Fazit und Ausblick
Wie Mark Twain bemerkte, sind Vorhersagen eine unsichere Sache, besonders wenn sie auf die Zukunft gerichtet sind. Trotzdem soll ein Ausblick hier gewagt werden.
Optimistischer Ausblick aus Sicht von Analysten
Anfang 2010 hat das Analystenhaus Gartner seine Prognosen über die Weiterentwicklung von BPM bis zum Jahr 2014 veröffentlicht. Der Schwerpunkt dabei soll auf dem Übergang von den heute geltenden routinemäßig, vorhersagbar und sequenziell ablaufenden Prozessen zu immer komplexeren, zunehmend unstrukturierten und dynamischeren Prozessen liegen. Im Folgenden werden die fünf Zukunftstrends dargestellt und kurz kommentiert.
Kundenbezogene Prozesse: Bis zum Jahr 2012 sollen sich 20 Prozent der kundenorientierten Prozesse auf Basis von Verhaltensmustern dynamisch assemblieren und adaptieren lassen. Ziel dabei ist es, sich selbst justierende Prozesse auf Basis von kundenspezifischen Mustern einzuführen. Manche dieser Patterns befriedigen Vorlieben oder folgen Nachfragetrends. Die Erkennung von Pattern im Laufe der Modellierung ermöglicht die Justierung der Prozesse, wobei eine Auswahl passender Alternativen zur Verfügung gestellt werden kann.
Dynamisches BPM: Ab dem Jahr 2013 wird dynamisches BPM ein Muss für Unternehmen, die Prozesseffizienz trotz unsicheren, schlecht vorhersagbaren und sich schnell veränderten Marktsituationen anstreben.
Kurze Reaktionszeiten, sofortige Umsetzung von Maßnahmen und Möglichkeit für „What-if“-Analysen sind in einer globalen, sich ständig verändernden Welt unumgänglich. Diese Dynamik der Prozesse impliziert auch eine Optimierung des BPM-Lebenszyklus sowie der damit verbundenen Methodologie und Tool-Unterstützung zum direkten Prozessdeployment. Hilfestellung liefern dabei die Bausteine aus dem Abschnitt 3.2.3, insbesondere Business Rules Engines und Anwendung dynamischer Policies. Dabei ist zu beachten, dass dies keine Umgehung der unternehmensweiten Change-Management-Mechanismen bzw. Nachvollziehung der Änderungen bedeutet.
Mit Komposition zur Individualität: Ab 2014 kommt es zu einem qualitativen Sprung in der Softwareentwicklung, wo die Komposition von Artefakten eine größere Bedeutung als der Entwicklungsakt an sich haben wird.
Hier kommt es zu einem gegenseitigen Auftrieb von BPM und SOA, wobei die Wiederverwendung und das Zusammenstellen von individuellen Prozesskomponenten vielmehr in einem Integrated-Composition-Environment (ICE) als in einem IDE (Integrated-Development-Environment) stattfindet. Dabei müssten Unternehmen dafür grundlegend ihre gängigen Praktiken umstellen, sei es im Bereich Projekte, Organisation oder Teamarbeit – besonders zwischen Fachanwendern und IT.
Geschäftsprozess-Netzwerke: Bis zum Jahr 2014 werden Business-Process-Netzwerke ca. 35 Prozent der neuen Multi-Enterprise-Integrationsprojekte bilden.
Neben der B2B-Prozessintegration auf individueller Basis mithilfe von technischen Standards wird die Notwendigkeit von vorgefertigten, unternehmensübergreifenden Standardprozessen sowie von direkt einsetzbaren Standard-Mustern an der Schnittstelle zwischen unternehmensinternen und externen bzw. in der Public Cloud laufenden Prozessen deutlich steigen. Letzteres, nämlich die flexible und sichere Integration zwischen Private- und Public-Cloud-Prozessen und Services, wird die Voraussetzung für die Akzeptanz und Verbreitung der Nutzung im alltäglichen Geschäft werden.
Modelle setzen sich durch: Bis zum Jahr 2014 werden 40 Prozent der Führungskräfte und Wissensträger in den Fachabteilungen der Großunternehmen grafische Prozessmodelle in ihrem Arbeitsalltag nutzen und sich darüber austauschen.
Das ist ein großer Schritt nach vorn, wenn man bedenkt, dass dies heute nur bei sechs Prozent der Belegschaft der Fall ist. Der verbreitete Gebrauch von Modellierungs-Tools wird laut Gartner erheblich dazu beitragen, Geschäftsprozesse und Performance zu verbessern. Die Analysten empfehlen deshalb, die Prozessmodellierung als eigene Kompetenz im Unternehmen zu etablieren. Auch Stellenbeschreibungen sollten diese Disziplin einbeziehen. Eine wichtige Rolle dabei spielt auch das Etablieren und die aktive Nutzung von Business-Kollaborationen in Form von Internet-Plattformen, die zurzeit von mehreren BPM-Herstellern angeboten werden. Deren Nutzung ist jedoch aufgrund von Bedenken bezüglich Sicherheit und Datenschutz noch sehr schleppend.
Realistischer Ausblick
Viele Firmen stecken noch mitten in einer Adaption von serviceorientierten Architekturen und werden noch eine Zeit benötigen, bis eine komplette Umstellung erfolgt ist. Insofern ist zu vermuten, dass SOA und BPM zunächst dort eingesetzt werden, wo der Veränderungsdruck am größten ist. Wie in der Vergangenheit der IT wird so auch in der Zukunft das Zusammenwirken alter und neuer Komponenten notwendig sein. Damit wird die Entwicklungsgeschwindigkeit herabgesetzt.
Bei aller Faszination für die Möglichkeiten neuer Technologien, der Einsatz muss sich rechnen. Gerade jetzt, in oder kurz nach der Krise, liegt der Fokus vieler Firmen auf Investitionen in die Kernsubstanz. Die Anforderungen an den ROI von IT-Projekten sind immer noch sehr hoch.
Viele BPM-Technologien sind relativ neu und befinden sich noch im Reifeprozess.
Aus all diesen Gründen liegt es nahe, dass die Analysten die Richtung der zukünftigen BPM-Entwicklung richtig verortet haben, aber der Zeitstrahl deutlich zur kurz geschätzt wurde. SOA und BPM werden die Anwender und Anbieter vermutlich noch länger als Aufgaben beschäftigen.
In der IT-Industrie ist BPM ein heißes, innovatives Thema. Viele Innovationen aus der IT-Industrie stehen vor der Tür, sind aber noch nicht verfügbar oder befinden sich noch in einer sehr frühen Phase. Das Rad der BPM-Innovationen wird nicht stillstehen. Vieles ist noch denkbar.
Die Experten der im BITKOM Arbeitskreis SOA-Technologies organisierten Unternehmen empfehlen, das Thema BPM jetzt und ohne Hektik anzugehen. In starken Veränderungen unterworfenen Bereichen sind erste Schritte zu planen und durchzuführen, Erfahrungen aufzubauen und der richtige Einstieg in BPM in umfassenderem Maße präzise vorzubereiten.
Die Autoren dieses Leitfadens hoffen, mit den herstellerneutralen Erläuterungen und Hinweisen nützliche Hilfestellungen auf dem Weg hin zum Prozess-orientierten Unternehmen gegeben zu haben. Das Dokument wird kontinuierlich angepasst und weiterentwickelt werden.
Autor(en) dieses Artikels
Plamen Kiradjiev, IBM Deutschland GmbHCo-Autor(en) dieses Artikels
Maik Schacht, BASF IT Services GmbH - Uwe Rödiger, Software AG - Jan Bartkowiak, Accelsis Technologies GmbH - Friedrich Vollmar, IBM Deutschland GmbHDownload
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